Marathon auf der Chinesischen Mauer – Rauf ins Glück

20.000 Stufen auf 42,195 Kilometern mit der Steigung einer Klappleiter – der Marathon über die Chinesische Mauer ist einzigartig. Atem(be)raubend war jedoch nicht nur die Herausforderung, sondern auch das historische Ambiente.

von Jochen Schmitz | Fotos: Jochen Schmitz

Was jetzt?“, fragte mich mein Freund Christian, als wir abends in Manhattan an der Bar saßen. Er hatte wenige Stunden zuvor im Central Park den New York Marathon gefinisht. Tja, was kann da noch kommen? Zahlreiche Diskussionen später wussten wir es: ein Rennen auf der Chinesischen Mauer!

Eine organisierte Reise spart Zeit und Nerven

Mittlerweile gibt es diverse Läufe auf dem unglaublich langen und ebenso alten Schutzwall. Für uns sollte es die Variante auf dem Abschnitt Jinshanling sein. Dieser gilt als gut restauriert und besonders schön. Des Weiteren ist die Anreise über Peking einfach. Ein solches Vorhaben in Eigenregie zu planen, kostet jedoch viel Zeit. Denn: Die Kommunikation mit den Chinesen dauert lange, die entsprechenden Internetseiten sind meist nicht auf Englisch und Angaben zu Transportmitteln vor Ort eher vage. Also buchten wir einen organisierten Trip von laufreisen.de. Neben diesem Anbieter gibt es für Wettkämpfe auf der Mauer beispielsweise noch Albatros Adventure Marathons. Hier wird allerdings in der Umgebung von Huangyaguan in der Provinz Tianjin gestartet. Auch der Sportreise-Spezialist Interair führt dieses Rennen in seinem Repertoire.

Die Vorbereitungsphase verlief unerwartet

Vor die Reise hatte der liebe Chinese die Pflicht gesetzt. Die brachte teilweise Kurioses zutage. So wurde beim Visumsantrag nach dem Beruf der Eltern gefragt. Ist einer der beiden verstorben, musste der Job-Eintrag „tot“ lauten. Bei der Datenerfassung des Veranstalters war zwingend die eigene Blutgruppe zu nennen, sonst gab es keine Startnummer. Und der Organisator der Nudelparty schickte Wochen zuvor einen Achtseiter mit Fotos, der auf die zu erwartenden Speisen einstimmen sollte. Von Seegras-Salat über gegrillten Hering bis zu Pommes frites war alles dabei. Trainieren mussten wir jedoch in Eigenregie.

Empfehlenswert sind Treppen-Einheiten und Long-Joggs, wir als Experten wussten das. Doch die Realität stand uns leider im Weg: Bei Christian war das Zeitbudget schlichtweg zu klein, außerdem meldete sich mal wieder seine Achillessehne schmerzhaft. Mein Hauptaugenmerk lag eigentlich auf der Griffkraft-Verbesserung sowie dem Abhärten gegenüber kalten Temperaturen, da ich auf der Starterliste des Tough Guy Races in England stand.

Zur Einstimmung gab es geröstete Skorpione

Dementsprechend mäßig gut vorbereitet, aber mit bester Laune, begaben wir uns dann auf die Reise. Und als echte Profis (hüstele) berücksichtigten wir das, was wir sonst an andere weitergeben, selbst nicht. Alle Laufklamotten kamen in den Koffer und nicht ins Handgepäck. Wird schon gut gehen. Ging es aber nicht. Folglich fanden wir uns am Freitagmorgen im Pekinger Flughafen am Lost & Found-Schalter mit gestikulierenden Chinesen wieder.

Nachdem zig gleich aussehende Formulare ausgefüllt waren, versicherte man uns, dass das vermisste Gepäck bis spätestens zum Abend in unserem Hotel ankommt. Pünktlich zum Frühstück trafen wir dort ein und lernten umgehend bei einer Tasse Bohnenkaffee unsere Laufreisen-Gruppe kennen. Gleich danach ging es mit dem Programmpunkt Stadtrundfahrt weiter. Der riesige Moloch Peking mit seinen über 20 Millionen Einwohnern faszinierte uns und ließ die Gepäck-Sorgen verblassen.

Nachdem alle berühmten Sehenswürdigkeiten bestaunt waren, bezogen wir unser Zimmer ohne Koffer. Frisch geduscht, aber im alten Dress, experimentierten wir zum Abendessen mit den örtlichen Spezialitäten. Zur Anreicherung des körpereigenen Protein-Pools mussten geröstete Skorpione und Vogelspinnen herhalten. Bei den Kohlenhydraten bedienten wir uns an eher gängigen Lieferanten wie Nudeln und Reis. So gestärkt stellte der Morgenlauf am nächsten Tag kein Problem dar.

Allerdings hatte das Gepäck noch immer nicht den Weg zu uns gefunden. Erneut wurden wir vertröstet, dieses Mal auf den Nachmittag. Kurzerhand stellte die Reisegruppe uns netterweise Shirts, Shorts sowie Socken zur Verfügung – Schuhe besaßen wir ja zum Glück noch. Nach einem beeindruckenden Lauf über den Platz des Himmlischen Friedens nutzen wir die freie Zeit weiterhin fürs Sightseeing.

20.000 Stufen – Da ist doch eine Null zu viel?

Als nachmittags die Koffer noch immer nicht im Foyer standen, machten wir uns ernsthaft Gedanken: „Kann man auf der Chinesischen Mauer in den dünnen Sportschuhen, die wir tragen, und die eigentlich für ein Barfußtraining gedacht sind, laufen? Und dürfen wir die Gruppe schon wieder nach Sport-Textilien fragen?“ Nach dieser ganzen Tortur und bei unserem miserablen Trainingszustand kam ein Marathon auf keinen Fall in Frage – insbesondere nicht so einer. Christian wollte sich stattdessen an die zehn Kilometer wagen und ich den Halben in Angriff nehmen. Der folgende Abend bestärkte uns in dieser Planung. Bei der Nudelparty wurden nämlich nicht nur Seegras mit gegrilltem Hering serviert, sondern auch das genaue Streckenprofil.

Die Gesichter der erstaunten Zuhörer bewiesen, dass sich nicht jeder im Vorfeld über die Gegebenheiten informiert hatte. Als die Zahl von 20.000 zu laufenden Stufen über die Marathon-Distanz fiel, wurde mehrfach nachgefragt, ob da eventuell eine Null zu viel sei. Die auf der Mauer teilweise zu erwartende Steigung von 80 Prozent erklärte der Veranstalter mit dem Vergleich einer zu erklimmenden Klappleiter. Ups.

Die Busreise offenbarte das (un)echte Leben

Mit zahlreichen Gedankenspielen zu Stufen und Leitern fuhren wir zurück. Im Bus herrschte Stille. Zumindest Christians und meine Stimmung hellte sich, im Hotel angekommen, wieder auf. Im Foyer stand unser Gepäck. Yep!

Also doch mit adäquatem Equipment auf die Mauer. Ganz nach dem Leitsatz der Berliner Boxlegende Rolf-Arne Schwabe jun.: „Ein Paar frische Socken ersetzt die beste Dusche“ ging es früh am nächsten Morgen voller Tatendrang gen Nordosten. Ungefähr 120 Kilometer lagen vor uns. Die Sonne stieg langsam auf. Im Gegensatz zu den Tagen zuvor, dekorierte keine Wolke den Himmel. Ein fantastisches Ambiente! Wer jedoch genauer in die bergige Landschaft blickte, dem wurden die Schwächen des Landes vor Augen geführt. Mensch und Natur sind hier nichts wert. Die Orte sind komplett vermüllt und die Flüsse dreckig.

Je näher wir dem touristisch erschlossenem Jinshanling kamen, desto sauberer und grüner mutete die Szenerie an. Dass das Efeu, welches großflächig an den Autobahnbrücken rankte, aus Plastik bestand, bemerkte ich erst nach unserer Ankunft.

Die Strecke teilten wir uns mit den Touristen

An der Startlinie versammelten sich laut Veranstalter 2.469 Sportler mit dem Ziel, die unterschiedlichen Distanzen – Marathon, Halbmarathon oder den Zehner – in Angriff zu nehmen. Peng. Gut zwei Kilometer nach dem Startschuss erreichte der Tross ein imposantes Tor mit Drehkreuz. Dahinter begann der Aufstieg zur Mauer. Bereits jetzt wurde deutlich: Mit schnellem Laufen ist hier nichts. Schon allein wegen der Touristen, die im Weg standen oder japsend daneben saßen.

Nachdem diese Auftakt-Hürden hinter uns lagen, musste eine Pause her. Staunend standen wir da nun, bei fabelhaftem Frühlingswetter inmittenblühender Sträucher. Die ruhmreiche Chinesische Mauer erstreckte sich vor uns bis zum Horizont. Und mit ihr abertausende Stufen. Wie bitte sollte das gehen? Ein Chinese mit Warnweste forderte zur Vorsicht auf, drängte aber gleichzeitig zum Weiterkraxeln. Ganz oben auf der Mauer angekommen wurde uns dann das komplette Ausmaß des Dilemmas klar: Hier konnte man nur mit höchster Konzentration laufen.

Denn die Stufen variierten nicht nur inForm und Höhe, sondern verschwanden auch mal ganz. Dazu war es unvorstellbar steil, wirklich furchteinflößend steil. Nun verstand ich, warum bei der Startnummern-Ausgabe Handschuhe verkauft wurden. Diese halfen, wenn es nur noch auf allen Vieren voranging.

Erschwerend kam hinzu, dass in regelmäßigen Abständen Wehrtürme stehen, in denen dunkle Abgänge zu bewältigen waren. So gingen locker mal 20 Minuten für einen Kilometer drauf. Selbstverständlich gibt es auch halbwegs laufbare Abschnitte. Zwischendurch erfreute sich das Auge an Warnschildern mit verunglückenden Piktogramm-Männchen. Schluck.

Eingelegtes Weißkraut half beim Weiterlaufen

So fügte ich mich die ersten anderthalb Stunden in mein Schicksal. Das war zwar alles zauberhaft schön, ein unfassbares Erlebnis, aber auf der anderen Seite der Medaille standen die nicht gekannten Anstrengungen. Da tauchte wie aus dem Nichts Alex aus unserer Reisegruppe vor mir auf. Rheinisch optimistisch stellte sich die Düsseldorferin dem Ganzen. Sie hatte die Marathon-Distanz im Visier und freute sich über jegliche Abwechslung. Beim nächsten der zahlreichen Verpflegungspunkte gönnten wir uns einen längeren Stopp. Wir mampften eingelegtes Weißkraut und stießen mit einem Energy-Drink auf die kommenden Kilometer an. Diese wollten wir fortan gemeinsam kraxelnd, stolpernd und manchmal eben auch laufend schaffen. Mittlerweile wurde es richtig warm. Je höher die Sonne stieg, desto schlechter gestaltete sich die Beschaffenheit des Laufuntergrundes. Was wiederum signalisierte, dass wir dem Wendepunkt näher kamen.

Die Länge des restaurierten Mauerabschnitts bei Jinshanling beträgt zehn Kilometer, gut dreiviertel davon galten als unsere Rennstrecke. Bevor wir aber nach siebeneinhalb Kilometern zurücklaufen durften, mussten wir runter von der Mauer, um eine Runde durch die Umgebung zu drehen. Über kleine Trails gelangten wir in ein Dorf. Hier bekamen die naheliegenden Felder gerade eine ordentliche Chemie- Dusche. Also nichts wie weg durchs Unterholz und wieder rauf auf den Schutzwall!

Der Rückweg forderte umso mehr. Unsere Muskeln und Lungen arbeiteten im roten Bereich. Bei jeder kleinen Kletterpartie sicherten wir uns gegenseitig. Irgendwann spuckte uns das Tor zurück auf die Straße.

Euphorisch ging es in die Verlängerung

Mit ziemlich wackeligen Knien liefen wir in Richtung Ziel. Doch das war es nur für mich. Alex musste ja noch einen Halben durch die umliegenden Berge draufpacken. Sie redete kontinuierlich auf mich ein, sie doch weiterhin zu begleiten, es sei doch „sooo schön“.

Okay. Euphorisiert durch das Erlebte, bog ich kurz entschlossen mit ihr auf die Marathon-Strecke ab. Da Lang- und Halb-Distanz das gleiche Startgeld kosteten, kam dem Veranstalter gegenüber kein schlechtes Gewissen auf. Zudem hatte ich das Gefühl, dass es die umstehenden Helfer wenig interessierte, was ich da tat. Also dann! Von nun an folgten wir Pfeilen, die auf der Straße klebten, bis es in einem Bauerndorf in die Berge ging.

Auf den Trails navigierten uns fortan kleine rote Schleifen. Bei Kilometer 35 erreichten wir den höchsten Punkt der zweiten Hälfte. Viele Teilnehmer nahmen hier auf den Felsen Platz, um kurz durchzuschnaufen. Gute Idee! Wir gesellten uns dazu. Als ich auf die Mauer hinabsah, überkam mich Dankbarkeit. Gegenüber Alex. Ohne sie wäre ich nie an diese Stelle gelangt, hätte nie diesen Augenblick erleben dürfen. Und Dankbarkeit gegenüber unserem Sport, der solche Erlebnisse ermöglicht.

Die finalen Kilometer liefen wir beschwingt nebeneinander her. Nach etwas über sieben Stunden war es dann endlich geschafft: Wir querten die Ziellinie. Übrigens gesellte sich zu Christian unterwegs ebenfalls eine Läuferin, die mit ihm überraschenderweise den Halben finishte. Seine Achillessehne blieb ruhig. Was für eine unerwartet gute Wendung dieses Rennen für uns alle nahm! Man(n) muss eben auf die Frauen hören, wie ein altes chinesisches Sprichwort sagt …

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