Schuld ist Robert – Mit dem Läufer-Doc beim New York City Marathon

Alles begann damit, dass wir auf dem Rückweg von einer Geburtstagsparty unseres Freundes Robert gemeinsam im Auto saßen. Robert ließ es mal wieder gewaltig krachen, und da wir ihm einen Startplatz für den Barcelona Marathon geschenkt hatten, war das Thema internationale Laufevents den gesamten Abend allgegenwärtig. Christian bewegte das Ganze noch immer. Plötzlich schaute er vom Steuer rüber und stellte für sich fest: „Also irgendwann will ich schon mal beim New York Marathon dabei sein.“

von Jochen Schmitz

Den Rest der sich anschließenden Konversation erspare ich Ihnen, da viele von Ihnen solchen Gesprächen bestimmt schon beigewohnt respektive sie selbst geführt haben. Nun sehen die Dinge am Morgen danach für gewöhnlich weniger logisch aus. Am Telefon beharrte Christian weiterhin auf seiner Position und nagelte mich auf mein Versprechen fest, gemeinsam mit ihm beim nächsten Rennen in Big Apple am Start zu stehen.

Folglich ergaben sich zwei Aufgaben. Erstens hatte Christian als Läufer-Doc von Berlin zwar schon unendlich vielen Sportlern geholfen, einen Wettkampf über 42,195 Kilometer zu finishen, war aber selbst noch nie länger als 25 Kilometer am Stück gelaufen. Zweitens kann man beim New York Marathon nicht einfach so auf die Homepage chatten und sich zwei Startplätze reservieren. Um an eine der begehrten Bib- Nummern zu kommen, gibt es verschiedene, teilweise komplizierte Prozedere. Die einfachste, jedoch kostspieligste Möglichkeit ist die Buchung über einen Laufreiseanbieter. Nach einem Telefonat mit Jessica Krekenbaum vom Marathon Reise Service war schon mal ein Problem gelöst.

Es blieb also noch die Herausforderung, Christian in den folgenden Monaten für unser Vorhaben fit zu bekommen. Aufbauend auf seinen bisherigen sportlichen Leistungen (zweimal Laufen in der Woche und Tennis spielen am Sonntag) sowie unter Berücksichtigung seiner familiären Verpflichtungen und seines Jobs als Arzt, erstellten wir einen groben Plan. Diesen legten wir darauf aus, Anfang November 2017 so gewappnet zu sein, dass das Rennen durch die fünf Boroughs von New York nach etwa fünf Stunden glücklich beendet sein sollte.

Also trainierten wir zusammen im Regen, Christian stand alleine abends in der Garage auf dem Laufband, wenn er mal wieder viel zu spät aus der Praxis kam und wir quälten uns samstags zusammen den Berliner Teufelsberg hoch. Alles verlief nach Plan, mit den üblichen kleinen Hoch und Tiefs, die während einer Marathonvorbereitung zu durchleben sind. Doch dann kam der Herr Doktor ganz unerwartet und mit sehr viel Glück an einen Startplatz für den Berlin-Marathon.

Je mehr sein gesamtes Umfeld auf ihn einredete, dass es keine gute Idee sei, Mitte September einen Marathon zu laufen, wenn der nächste 42er Anfang November ansteht und auf den Letzteren eigentlich gezielt hintrainiert wird, desto überzeugter war Christian davon, auch in der Hauptstadt an den Start zu gehen. Was will man machen bei einem Mediziner, der es eigentlich besser weiß? Mit der Vorgabe, nahezu schleichend die Berliner Straßen zu meistern sowie bei den geringsten Problemen aus dem Rennen zu scheiden, finishte er seinen ersten Marathon überglücklich am Brandenburger Tor. Meine Trainingspläne für ihn waren dahin, sein Optimismus grenzenlos!

Natürlich geschah das Unvermeidliche. Wenige Wochen vor unserer Reise in die USA kam die Formkrise. Der traten wir mit einem Regenerationsprogramm entgegen. Außerdem motivierte Christian sich mit der originalen Schuh- und Textilkollektion des New York Marathon 2017. So ausgestattet, absolvierten wir dann die finalen Vorbereitungseinheiten. Dann hieß es endlich „bye, bye Berlin – and welcome to America“.

Feigerweise wurde wenige Tage vor unserer Ankunft in Manhattan erneut ein Terroranschlag verübt. Nichtsdestotrotz ging das Einreise-Prozedere flink vonstatten. Wir gönnten uns ein Taxi, um vom Airport in die City zu gelangen. Der Tag neigte sich seinem Ende zu, und so empfing uns die Niemals- Schlafende mit einem strahlenden Lichtermeer. Kaum saßen wir im Wagen, erzählte Fahrer Ricardo von seiner Pensionierung im vergangenen Jahr. Allerdings zieht es den gebürtigen Kolumbianer, insbesondere an den Wochenenden, wenn das Geschäft brummt, zurück hinters Steuer. Als er mitbekam, woher wir stammen, wollte er sofort wissen, ob es stimmt, dass man in Berlin nicht überall hingehen kann.

Wir klärten ihn auf, dass es zwar auch in der deutschen Hauptstadt soziale Brennpunkte gibt, aber eigentlich keine aus Amerika bekannten „No-Go-Areas“. Daraufhin entgegnete Ricardo, wir hätten ihn falsch verstanden, er wolle wissen, wie das mit der Mauer sei, die diese DDR durch die Stadt gezogen hätte. Mit einem Augenzwinkern berichteten wir über die aktuelle Situation und erlaubten uns den Zusatz, dass man in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern bemüht ist, keine Mauern mehr zu errichten. „Yes we can!“

Am Samstag demonstrierte der Marathon- Veranstalter, dass es durchaus möglich ist, ein großes Laufevent auf die Beine zu stellen, bei dem man sich diese wiederum nicht in den Bauch stehen muss, wenn die Startunterlagen abgeholt werden. Ja, sie besitzen größere Hallen – sie haben aber auch wesentlich mehr Starter! Zum Nachmittag erwartete uns dann ein absoluter Glanzpunkt. Eine Stadtführung mit der Tour-Guide- Legende Guenter Maislinger. Dem Mann, der Ende der 1970er-Jahre von Österreich nach Los Angeles auswanderte, um in den USA seine Brötchen als Hundebabysitter, Modedesigner und im Catering-Service zu verdienen, der mit Boy George und Konsorten im legendären Studio 54 feierte und der heute unter anderem Udo Lindenberg, den FC Bayern sowie Thomas Gottschalk zu seinen Kunden zählt.

Wer sich auf Guenter einlässt, der erlebt ein New York der anderen Art. Selbst wer meint, schon nahezu alles über die Metropole zu wissen, wird nach einer Tour mit dem gebürtigen Österreicher voller neuer Eindrücke nach Hause zurückkehren. Uns zeigte er an diesem Tag zum Auftakt das jüdische Viertel Williamsburg, sein Insiderwissen war dabei einfach nur beeindruckend. Am nächsten Tag sollten wir hier entlanglaufen, durch diesen ganz besonderen Abschnitt des Marathons, bei dem keine Zuschauermassen am Streckenrand johlen, wo keine Bands spielen.

Anschließend führte Guenter uns zu Pizza und Pasta ins Roberta’s. Einen der derzeit angesagtesten Gastro-Spots der Stadt. Noch vor kurzer Zeit mietete Madonna den an einen Friedrichshainer Club erinnernden Betrieb für eine Party. Wir zogen weiter und gelangten nach einem unterhaltsamen Galerie-Stopp bei der Künstlerin Irina Protopopescu in den Stadtteil Bushwick. Hier ist der Big Apple noch „very real“. Die Häuserwände strotzen vor Graffiti-Pieces. An einer Straßenecke drehten ein paar Jungs gerade ein Rap-Video. Wir begossen unseren Rundgang zum Abschluss in einer Heavy-Metal-Bar stilecht mit einem ebenfalls sehr realen Bier (ohne Schaum) vom Fass. Es blieb bei einem, denn morgen sollte es zählen.

Kurz nach 4.00 Uhr klingelte der Wecker. Christian stand schon in unserem Zimmer und sortierte wiederholt seine Laufutensilien. Im Fernseher erläuterte eine Reporterin, dass die Starter des diesjährigen New York City Marathon mit großerWahrscheinlichkeit der Regen erwartete. Aha, diese beiden Vorgänge gehörten also zusammen. Ausgestattet für alle Wettereventualitäten, trafen wir uns gegen 5.15 Uhr mit den weiteren Sportlern unserer Reisegruppe. Kurze Zeit später fuhren wir per Bus zum Startgelände. Obwohl das Rennen für uns erst mit der 11.00-Uhr-Welle begann, mussten wir so früh los. Schließlich hatten sich mehr als 50.000 Läufer für den Sonntagsausflug gemeldet. Und die wollten transportiert, kontrolliert und orientiert werden.

Im Dunkeln erreichten wir das Gelände am Fuße der Verrazano-Narrows Bridge. Noch ließ sich der Stahlkoloss lediglich erahnen. Es blieben knapp vier Stunden, bis wir endlich auf ihm laufend ins Rennen finden durften. Wir vertrieben uns die Zeit mit Gesprächen bei kostenfreiem Kaffee und Bagels. Dabei wanderten die Blicke regelmäßig gen Himmel, in der Hoffnung, dass die grauen Wolken ihren Regen für sich behalten würden. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam Bewegung in unseren Block. Der jedoch sofort wieder zum Stehen kam. Die Amerikaner fassten sich an die Brust, da ihre Hymne ertönte. Dann erschütterte ein Kanonenschuss das Areal. Es ging los. Sinatras „New York, New York“ dröhnte aus den Boxen, als wir auf die Brücke liefen.

Auf diesen Moment hatten wir monatelang hingearbeitet. Immer wieder motivierte ich Christian mit meinen Erzählungen, wie imposant es doch sei, von der Verrazano-Narrows Bridge auf Manhattan zu schauen, die Skyline zu sehen, den Central Park mit der Finishline zu erahnen. Dazu die zahlreichen Feuerwehrschiffe, Wasserfontänen speiend unter uns. Und nun? Nun war gar nichts. Alles erschien grau in grau. Wir erkannten lediglich dunkle Umrisse am Horizont. Ich war enttäuscht, Christian glücklich. Er strahlte über das ganze Gesicht. Noch bevor wir von der Hängebrücke runter flitzten und Brooklyn erreichten, musste er sich von mir mehrmals anhören, dass er seine Geschwindigkeit reduzieren soll.

Bis Kilometer zehn wiederholte ich dieses Anliegen mantramäßig. Natürlich konnte ich ihn verstehen. Die Zuschauermenge animierte, das Wetter hielt noch und die in diesem Jahr sehr zahlreichen politischen Plakate am Streckenrand lenkten ab. Kurzum, die Stimmung war prächtig, aber noch lagen über 30 Kilometer vor uns. Da hieß es Körner sparen, denn hinten ist die Ente fett. Als wir dann Williamsburg erreichten, dort wo wir gestern so entspannt Guenters Ausführungen lauschten, musste Christian schon regelmäßig seine Brille abnehmen, um sie mit einem Taschentusch von den Regentropfen zu befreien. Am Straßenrand wurden nun Schirme statt Plakate hochgehalten. Bei circa 15 Grad gestaltete sich die Witterung für Läufer sowie Zuschauer zunehmend ungemütlich.

Einige Hundert Meter vor der Halbmarathon- Markierung erspähten wir plötzlich ein rot-blaues Lichtermeer. Mehrere Wagen der Feuerwehr parkten am Straßenrand. Im Nachhinein erfuhren wir, dass aufgrund eines Einsatzes sogar zwischenzeitlich die Strecke gesperrt werden musste, wir waren davon jedoch nicht mehr betroffen. Etwas mehr als 21 Kilometer hatte Christian bereits gemeistert. Wir lagen minimal über unserem Zeitlimit, aber das war für diese Bedingungen absolut in Ordnung. Jedoch gilt in New York die zweite Hälfte mit ihren Brücken, Steigungen und langen Geraden als die eindeutig schwierigere.

Das schien meinem Begleiter im Folgenden ebenfalls klar zu werden. Was ich nicht nur an seinem Tempo, sondern auch an Christians ungewohnter Wortkargheit feststellte. Hinzu kam, dass es mittlerweile in Strömen regnete. Die Queensboro Bridge verhalf uns von Queens über den East River und spuckte die Läufer auf die First Avenue aus. Hier wo sie sonst in Zehnerreihen stehen und der Jubel ohrenbetäubend ist, harrten gegenwärtig nur noch die ganz Enthusiastischen aus. Inzwischen waren wir so durchnässt, dass wir gar nicht mehr versuchten, den riesigen Pfützen auszuweichen. Christian murmelte irgendwas von Krampf und Kälte. Nun, der Läufer-Doc hatte sich doch wohl nicht verzockt?

Der Weg ganz hoch in die Bronx zog sich unendlich. Zum Regen kam böiger Wind hinzu. Immer wieder schielte ich zu meinem Kompagnon, beobachtete ihn. Anscheinend hatte er sich gefangen, keine Anzeichen von Schwäche, geschweige denn von einem Krampf, waren zu erkennen. Zwei scharfe Linkskurven brachten uns dann im Norden auf den Kurs in Richtung Finish. Es warteten noch sieben nasse Kilometer. Kurzzeitig flammte die Idee auf, es zu versuchen und doch noch die Fünf- Stunden-Marke zu unterbieten, aber der nicht enden wollende Streckenabschnitt im Central Park zog uns diesen Zahn. Auf den finalen Metern leuchteten die Straßenlaternen, so dunkel war der Himmel mittlerweile. Umso heller erschien uns der Zielbogen. Nach etwas über fünf Stunden baumelte die ersehnte Medaille um Christians Hals.

Abschließend bleiben zwei Dinge zu sagen. Erstens: Es ist definitiv nicht empfehlenswert, in weniger als zwei Monaten zwei Marathons zu laufen, gerade dann nicht, wenn es die ersten Rennen über diese Distanz sind. Dem stimmt nun auch Christian zu: „Ich würde jedem meiner Patienten davon abraten.“ Ist klar, Christian – ich erinnere Dich zu gegebener Zeit daran. Und zweitens: New York, wir kommen wieder, und dann hätten wir gerne mal die Sonnenvariante. Bis dahin, mach es gut, Du Traumziel aller Läufer.

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2018-10-31T14:23:52+00:00